ByteFM
Interview mit
Ruben Jonas Schnell
2007 gründete Ruben Jonas Schnell den Internetradiosender ByteFM. Im Interview erzählt er, wie man Radio auch ohne Werbung machen kann, warum ByteFM heute kein Internetradio mehr ist und was der Umzug vom Medienbunker ins Paulihaus für ihn bedeutet.
© Dirk PudewellLieber Ruben, wie funktioniert eigentlich ein Internetradio im Vergleich zu einem konventionellen Radio?
Ruben: Ein Internetradio strahlt sein Programm nicht über UKW aus, kann also nicht über eine Antenne empfangen werden, so wie man konventionelles Radio hört, sondern es wird aus dem Studio per Kabel auf einen Server gesendet und von da über das Internet verbreitet. Die Server-Infrastruktur muss ausreichend leistungsfähig sein, damit ggf. viele tausend Leute gleichzeitig das Programm abrufen können. Aber auch Internetradio funktioniert wie herkömmliches Radio in Echtzeit: Was ich um 10 Uhr 05 sende, kommt bei Dir (mit einer kleinen Verzögerung) um 10 Uhr 05 an, nur eben nicht über UKW, Antenne, Fernsehturm und so, sondern übers Netz in die ganze Welt.
Wie kam es damals zu der Gründung von ByteFM?
Seitdem ich 15 Jahre alt war wollte ich Musikjournalist und Moderator im Radio werden. Und ich wollte zum NDR, weil ich als Teenager die Musiksendungen vom NDR gehört hatte. Später war ich dann tatsächlich freier Mitarbeiter beim NDR und auch für andere öffentlich-rechtliche Sender tätig. Das war cool, ich hatte aber immer das Gefühl, dass es an einem richtigen Musikradio für Deutschland bzw. den deutschsprachigen Raum mangelt. Und da dachte ich, das könnte man vielleicht selbst auf die Beine stellen. Befreundete Kolleg*innen, die ich ansprach, die wie ich für öffentlich-rechtliche Sender tätig waren, fanden die Idee gut und wollten mitmachen. So nahm das seinen Lauf. Heute sind wir mit ByteFM kein reines Musikradio mehr. Ich würde uns eher als Musik- und Kulturradio bezeichnen, weil wir auch Sendungen produzieren, in denen Musik zwar immer mehr ist als Beiwerk, aber in denen es auch um Themen geht, die nichts mit Musik zu tun haben.
© Dirk PudewellWie war damals euer Start?
Aus heutiger Sicht: abenteuerlich. Wir wussten nicht, wie das alles funktionieren würde. Ich wusste nicht, wie man sich als Geschäftsführer eines Unternehmens verhält und worauf es ankommt. Ich war Musikjournalist. Wir hatten uns jemanden gesucht, der die Server einrichtete. Leider war derjenige komplett überfordert. So kam es, dass bei unserem Sendestart am 11.01.2008 unsere Server sofort in die Knie gingen, weil so viele Leute eingeschaltet hatten. Dann ging einige Minuten lang gar nichts mehr. Mit unserem eigenen kleinen Sender an den Start zu gehen, das war ein euphorischer Moment. Aber das Drumherum war auch mühsam. Wir haben mit der Zeit dann viel gelernt. Außerdem waren wir nicht nur unerfahren, sondern hatten zu Beginn des Projekts auch fast kein Geld.
Richtig. ByteFM ist von Anfang an ohne Werbung gelaufen. Wie finanziert ihr euch?
Am Anfang ging es uns nicht darum, Geld zu verdienen. Wir wollten einfach einen tollen Sender starten, der so klingen sollte, wie wir uns gutes Musikradio vorstellen. Dieser Idealismus und der damit verbundene Enthusiasmus war wichtig, um die harte Anfangsphase zu überstehen. Und so ziemlich alle, die zu Beginn dabei waren, hatten feste Jobs, mit denen sie ihr Geld verdienten, während sie unentgeltlich für ByteFM tätig waren. So war es ja auch bei mir. Radiowerbung für Internetradiosender, das war damals noch ganz neu, damit hätten wir kaum Geld verdienen können. Wir hatten aber einen Sponsor, Panasonic, der unseren Start möglich gemacht hatte. Damals dachte ich, wenn es irgendwann 10 Sponsoren für ByteFM gibt, reicht das, um ein kleines Team zu bezahlen. Bald darauf hatte aber ein Freund von mir die Idee, einen Förderverein zu gründen.
© ByteFMEin Förderverein zur Finanzierung von ByteFM?
Ja. Die Idee war, Hörer*innen, die unser werbefreies Programm zu schätzen wissen, dazu zu bewegen, regelmäßig einen kleinen Beitrag zu bezahlen. Ich glaubte damals zunächst nicht, dass viele Menschen bereit sein würden, neben den verpflichtenden GEZ-Gebühren hinaus einen Beitrag zu leisten, um Radio ohne Werbung möglich zu machen. Aber da habe ich mich zum Glück getäuscht. Der Verein „Freunde von ByteFM“ besteht seit Anfang 2010 und hat es uns nach und nach ermöglicht, den Sender weiter aufzubauen und Menschen auch zu entlohnen. Im ersten Jahr hatten wir vielleicht 1000 Förderer, heute hat der Verein fast 11.000 Mitglieder, und er wächst beständig.
© Dirk PudewellIhr habt ein sehr breites Angebot von Formaten. Was sind die Klassiker unter den Sendungen von ByteFM?
Es gibt einige, die wir von Anfang an im Programm haben, z.B. „Golden Glades“ mit Sandra Zettpunkt, die vorher in Hamburg beim Freien Senderkombinat zusammen mit ihrem Bruder Sendungen gemacht hat. Dann „Was ist Musik“ mit Klaus Walter, der „Kramladen“ mit Volker Rebell, beides Kollegen, die ich aus meiner Zeit als Redakteur und Moderator beim Hessischen Rundfunk kannte. „Elektro Royale“ mit Martin Böttcher gab es auch von Anfang an oder „Silent Fireworks“, eine Sendung, die meine Partnerin Jumoke Olusanmi moderiert. Schnell wurden es viele Sendungen mehr. Wir wählen sehr genau aus, welche Sendungen wir heute noch ins Programm nehmen. Und bemühen uns, ein Geschlechtergleichgewicht zu erreichen. Anfangs war der Männer-Überhang noch viel deutlicher als heute.
Welche Sendungen moderierst du?
Ich mache das „Zimmer 4 36“. Der Name bezieht sich auf die Sendestätte im Medienbunker auf St. Pauli. Dort stand 4 36 an der Tür, 4 für die vierte Etage und 36 für den entsprechenden Raum auf diesem Stockwerk. Daneben moderiere ich „Teenage Kicks“, eine Sendung, die mir besonders am Herzen liegt, weil wir darin Jugendliche ins Radio holen, die mit uns gemeinsam die Sendungen gestalten. Hin und wieder moderiere ich das „Stadtmagazin“, bei dem wir Menschen aus Hamburg und Berlin in ausführlichen Interviews vorstellen und die Sendung „ByteFM Wissen“, in der wir Themen aus Forschung und Wissenschaft mit Musik verbinden. Demnächst starten wir ein neues Wissenschafts-Format in Zusammenarbeit mit der Körber Stiftung. In diesen Sendungen bereiten wir wissenschaftliche Themen so auf, dass man einen Zugang finden kann, ohne vom Fach zu sein, und verbinden die Informationen mit zum Thema passender Musik.
© HAMBURG TEAMSeit 2022 ist ByteFM kein Internetradio mehr, sondern auch terrestrisch zu empfangen.
Stimmt, seit 2022 haben wir eine eigene Frequenz bzw. hier in Hamburg sogar zwei: 91,7 und 104,0 Mhz. In Berlin senden wir seit Anfang dieses Jahres auch auf UKW, auf der 88,4. In beiden Städten sind wir auch auf DAB+ zu empfangen. DAB+ ist ein digitaler terrestrischer Verbreitungsweg. Das neue UKW, sozusagen. Bevor wir auf unserer eigenen Frequenz senden konnten, waren wir in Hamburg täglich drei Stunden, von 19:00 bis 22:00 Uhr, auf 91,7 zu empfangen. Da haben wir gemerkt, dass über diesen vermeintlich alten Verbreitungsweg UKW sehr viel neue Hörer*innen zu uns finden. Im Internet musst du genau wissen, was du suchst, um einen neuen Sender zu finden. Auf UKW stößt du zufällig drauf. Da hören Leute mal rein und wenn ihnen das Programm mit guter Musik und ohne Werbespots gefällt, bleiben sie dabei. Dass wir nun seit Januar 2026 auch in Berlin rund um die Uhr über UKW senden, erhöht unsere Reichweite noch einmal sehr deutlich. Das ist klasse!
„Keine Werbespots zu senden,
ist für uns sehr wichtig.“
Ruben Jonas Schnell
Ist das konventionelle Radio nicht im Vergleich zum fast unbegrenzten Angebot im Internet eine aussterbende Spezies?
Überhaupt nicht! Menschen hören nach wie vor viel klassisches Radio. Im Auto zum Beispiel und in der Küche. Wenn wir es uns leisten könnten, würden wir in ganz Deutschland über UKW senden wollen. Aber das wäre für uns nicht bezahlbar. Außerdem müssen Frequenzen ausgeschrieben werden und dann muss man sich erfolgreich darum bewerben. In Berlin hat das super geklappt. Der Medienrat, den man im Rahmen der Bewerbung überzeugen muss, war beeindruckt von dem, was wir mit ByteFM machen, weil man ein solches Angebot ohne Werbespots im Privatradiobereich nicht kennt. Keine Werbespots zu senden, ist für uns aber sehr wichtig. Denn die Fördermitglieder, die unseren Sender tragen, unterstützen ByteFM genau deshalb: weil wir ohne Werbung senden.
© ByteFMWo siehst du die Weiterentwicklung des Senders?
Zunächst ist Berlin als neuer Ausstrahlungsort natürlich eine große Weiterentwicklung für uns. Die Wissenschaftsformate, die ich schon angesprochen habe, sind eine inhaltliche Weiterentwicklung für ByteFM. Generell wollen wir mehr Sendungen ins Programm nehmen, in denen sich gute Musik und interessante Themen aller Art verbinden. Solche Formate machen unser Programm vielfältiger und, wenn sie in Kooperation mit externen Partnern stattfinden, sind sie gleichzeitig eine Erlösquelle für uns. Auch explizit politische Sendungen würde ich mir für ByteFM wünschen. Mit unserem sehr schmalen redaktionellen Apparat können wir solche Sendungen aktuell nur punktuell umsetzen.
Zum Thema Weiterentwicklung gehört natürlich auch unser Umzug ins Paulihaus, den wir gerade abgeschlossen haben.
„Im Januar ist ByteFM 18 Jahre alt geworden. Wir sind erwachsen.“
Ruben Jonas Schnell
Du gibst das Stichwort. Ihr seid gerade aus dem Medienbunker auf die andere Seite der Rindermarkthalle ins Paulihaus umgezogen. Was bedeutet dieser Wechsel für dich?
Vor allem erst einmal mehr Platz und bessere Arbeitsbedingungen für das Team, mehr Licht und – ganz wichtig – eine funktionierende Lüftung, denn die gab es im Bunker schon länger nicht mehr. Nach 18 Jahren im Bunker freue ich mich, dass wir jetzt den Schritt in ein auch etwas professionelleres Ambiente gegangen sind. Ich habe den Bunker lange als unser Zuhause geliebt, und für eine lange Zeit war das genau der richtige Ort für uns. Doch ByteFM hat sich entwickelt, wir sind gewachsen und stellen uns nun auch inhaltlich breiter auf. Die neuen Räumlichkeiten passen zu all dem. Wirtschaftlich gesehen stellte der Umzug, bzw. die stellen die neuen Räumlichkeiten eine Herausforderung dar. Wir haben viel mehr Platz und bezahlen schon insofern deutlich mehr Miete. Trotzdem sind wir glücklich über die Entwicklung. Im Januar ist ByteFM 18 Jahre alt geworden. Wir sind erwachsen. Unser neues Zuhause im Paulihaus fühlt sich nun einfach richtig an. Vor zwei Jahren habe ich mal zu meiner Partnerin gesagt, wenn wir diesen Umzug über die Bühne gebracht haben und in Berlin auf UKW starten, dann ist ByteFM irgendwie fertig. Dann ist dieses Projekt stabil. Diesen Moment symbolisiert der Umzug für mich.
Ob Bunker oder Paulihaus – euer Stadtteil war und bleibt St. Pauli. Ist das mehr ein Zufall oder ist es eben auch so, dass ByteFM hier besonders gut hinpasst?
Nein, das ist kein Zufall. Als wir mit ByteFM gestartet sind, hörte ich von Tino Hanekamp, der den Club Uebel & Gefährlich mitgegründet hatte, von der Möglichkeit, Mieter im Bunker zu werden. Die Nähe zu diesem Club war ein idealer Standort und die dicken Mauern des Bunkers waren viele Jahre ein symbolischer Halt für unser zunächst fragiles Projekt, das als idealistische Idee erst seinen Platz in der wirtschaftlichen Welt finden musste. Wir fühlten uns durch die dicken Bunkerwände irgendwie beschützt. Hier in St. Pauli zu sein mit den vielen Clubs in der Nachbarschaft, war für uns von Anfang an wichtig. Das bedeutete kurze Wege für die Bands, die von Beginn an regelmäßig zu Gast bei uns im Studio waren. Bevor Musiker abends in St. Pauli auf der Bühne stehen, kommen sie am Nachmittag oft bei uns in der Sendung ByteFM Magazin vorbei. Das wertete unser Programm von Anfang an auf. Insgesamt wäre das alles in einem anderen Stadtteil nicht so einfach gegangen. Die Musikszene ist einfach hier auf St. Pauli.
„Die Musikszene ist einfach hier auf St. Pauli.“
Ruben Jonas Schnell
© Dirk PudewellZur Person:
Ruben Jonas Schnell ist Musikjournalist und bekennender Musik- und Radioliebhaber. Nach einem Studium der Musikwissenschaften und der Amerikanistik war er freier Mitarbeiter bei zahlreichen öffentlich-rechtlichen Sendern, unter anderem dem NDR, wo er viele Jahre u.a. den Nachtclub moderierte. ByteFM ist ein Projekt, das er seit der Gründung mit sehr viel Einsatz und Herzblut aufgebaut und zum Leben erweckt hat. Ruben lebt mit Partnerin und Tochter in Hamburg.