Christina Kainz
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Senior Living
War es früher das Alters- oder Pflegeheim, das für ältere Menschen die einzige Alternative für ein Wohnen zuhause darstellte, gewinnen heute unter dem Begriff Senior Living neue Konzepte an Bedeutung, die den Community-Gedanken für das Leben im Alter, unabhängig vom Aspekt der Pflege, im Fokus haben. HTIM-Geschäftsführer Sebastian Schlansky tauscht sich hierzu im Gespräch mit Christina Kainz, Geschäftsführerin des 2021 gegründeten Start-ups LIVELY aus.
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© Sinje HasheiderSebastian Schlansky
Sebastian: Moin Christina, vor sechs Jahren hast du das Unternehmen LIVELY gegründet, und obwohl wir uns schon mehrmals zum Thema Senior Living ausgetauscht haben, habe ich dich noch nie gefragt, was eigentlich der Firmenname LIVELY bedeutet und wie er in Beziehung zu eurer Tätigkeit steht.
Christina: Servus Sebastian, das ist schnell erklärt. LIVELY kommt ja aus dem Englischen und heißt lebendig, energiegeladen, schwungvoll. Das schien uns das richtige sprachliche Bild zu sein für das, was wir uns als Gründer auf die Fahnen geschrieben haben. Wir kommen ursprünglich aus der Hotellerie und wollen mit diesem Blick das klassische betreute Wohnen ein bisschen aufbrechen, denn wir sind überzeugt davon, dass es zu weit entfernt von der Assetklasse Wohnen ist und sich zu stark im Pflegerischen bewegt.
Wir konzentrieren uns dabei ganz auf das Thema Gemeinschaft und Wohnqualität, und da kommt dann der Aspekt der Lebendigkeit, für die wir in dieser Lebensphase sorgen möchten, ins Spiel. Wir grenzen uns damit klar von den ambulanten Pflegediensten ab, mit denen wir als Partner zusammenarbeiten und sind eine für sich stehende Säule im Zusammenspiel mit dem Vermietungs- und dem Pflegemanagement eines Senior-Living-Ortes.
„Wir sind überzeugt davon, dass das klassische betreute Wohnen zu weit entfernt von der Assetklasse Wohnen ist und sich zu stark im Pflegerischen bewegt.“
Christina Kainz
Sebastian: Eine Entwicklung hin zu genau diesen alternativen Konzepten beim Senior Living beobachten wir in unserer Arbeit schon seit geraumer Zeit. Das heißt nicht, dass Pflegeheime nicht mehr gebraucht werden. Jedoch wird vonseiten der Senioren ein Umzug in ein Pflegeheim in der Regel immer aus der Not heraus getroffen und ist keine freie Entscheidung. Zum anderen sehen wir – vor allem vor dem Hintergrund der jüngsten Phase von Betreiberinsolvenzen – die Risiken, die die klassischen Betreibermodelle auf der Basis von Generalmietverträgen mit sich bringen. Und auch wir sind der Meinung, dass das Thema Wohnlichkeit und das sinnstiftende Thema Gemeinschaft entscheidend sind, wenn es um die langfristige Vermietbarkeit von unseren seniorengerechten Wohnungen geht. Außerdem haben sich die Anforderungen der heutigen Nutzer und Nutzerinnen geändert, die sich – sicherlich von Zielgruppe und auch von Standort zu Standort unterschiedlich – eben mehr als eine reine Versorgungseinrichtung vorstellen.
Christina: Genau. Schauen wir uns einmal die monetär sehr starke Generation der Babyboomer an, die jetzt nach und nach in den Ruhestand geht. Die hat sich einen gewissen Standard im Leben aufgebaut. Von dieser Generation kommt oft der Satz: „Jetzt bin ich dran, jetzt gönne ich mir etwas.“. Und vor allem wollen sie wertfrei wie Du und ich wahrgenommen werden, auch wenn sie vielleicht einen Pflegegrad oder andere Einschränkungen haben. Und genau da starten wir mit unserem Konzept: Auf Augenhöhe.
„Das sinnstiftende Thema Gemeinschaft ist entscheidend, wenn es um die langfristige Vermietbarkeit von unseren seniorengerechten Wohnungen geht.“
Sebastian Schlansky
Sebastian: Der Community-Gedanke ist ja durchaus schon länger auch bei der älteren Generation angekommen. Was ist das Besondere an eurem Konzept?
Christina: Das Besondere an unserem Konzept beginnt bei den Räumen selbst: Wir schaffen Flächen, in denen man sich wirklich gerne aufhält, also modern ausgestattete, gut designte Flächen mit hohem Wohlfühlfaktor. Das ist für uns eine wesentliche Voraussetzung, damit die Leute gerne zu uns kommen. Und dann sind es am Ende unsere Community Buddies, die den Unterschied vor Ort machen. Wir legen einen großen Fokus auf eine innige Beziehung zwischen unseren Buddies und den Bewohnern. Es entsteht eine enge Bindung, vielleicht sogar fast ein familiäres Verhältnis. Die Bewohner gestalten auch mit unseren Buddies zusammen das Aktivitätenprogramm und leiten teils selbst einen Kurs an, jeder kann sich also einbringen und mitgestalten.
Sebastian: Mit dem Thema Wohlfühlfaktor hast du ein wichtiges Stichwort geliefert. Wir sind davon überzeugt, dass Mietkontinuität nur gesichert ist, wenn es den Bewohnerinnen und Bewohnern gut geht, und aus Investorensicht ist eine langfristig gesicherte Vermietbarkeit essenziell. Zudem zahlt das Community-Konzept auf ein positives Image des Hauses ein. Und da ist es schon wichtig, dass man dieses Thema professionell managen lässt.
Christina: Und das braucht wirklich Kontinuität und zeitliche sowie finanzielle Ressourcen, denn eine Community entsteht nicht durch das bloße Vorhandensein eines Raums. Eine Gemeinschaft zu formen bedeutet viel Arbeit und man muss ständig daran arbeiten und sich auch den vermeintlichen “Kleinigkeiten“ eines jeden Einzelnen annehmen.
„Mietkontinuität ist nur gesichert ist, wenn es den Bewohnerinnen und Bewohnern gut geht, und aus Investorensicht ist eine langfristig gesicherte Vermietbarkeit essenziell.“
Sebastian Schlansky
Sebastian: Was mir in diesem Zusammenhang durch den Kopf geht und was sich auch auf den ganzen Tagungen zu diesem Thema zeigt, ist ein Wandel bei der Betrachtung der Themen Wohnen und Pflege für Senioren. Ganz lange hat man sich dabei auf die letzte Lebensphase konzentriert hat, sagen wir die letzten sieben bis zwölf Monate des Lebens, die dann – weil ein unabhängiges Wohnen zuhause nicht mehr möglich wahr – in einem Pflegeheim stattfanden bzw. stattfinden musste. Heute konzentriert man sich eher auf die Bedürfnisse einer alternden Gesellschaft als Ganzes und dabei steht der Aspekt der Versorgungssicherheit nicht zwangsläufig im Vordergrund. Dadurch entwickelt sich der ehemalige Nischenmarkt langsam hin zu einer gesellschaftlich relevanten Größe.
Es geht also weg vom Konzept der reaktiven Versorgung und hin zu einer aktiven Gestaltung des Alters. Da spielen auch Longevity-Konzepte mit rein, die darauf abzielen, dass man durch ein aktives Leben länger gesund bleibt. Da ist z.B. Einsamkeit ein Aspekt, der sehr kontraproduktiv ist. Etwa 6 Millionen über 60 Jahre leben in Deutschland allein, viele von ihnen fühlen sich einsam. Und in diesem ganzen Spektrum spielen Community-Konzepte eine wichtige Rolle. Dabei geht es auch darum, durch Aktivität und Gesellschaft länger gesund zu bleiben. Einsamkeit kann beispielsweise zu Depressionen führen, Depressionen wiederum zu Demenz. Auch das Aktivbleiben im Alter verlangsamt den Alterungsprozess. Harvard-Studien haben gezeigt, dass diese psychologischen Aspekte positive physische Auswirkungen haben können. Diese Aspekte müssen mitgedacht werden und haben den positiven Nebeneffekt, dass sie die anspruchsvollen Nutzer auch dauerhaft an eine Einrichtung binden.
Christina: Das würde ich auf jeden Fall unterschreiben, Sebastian. Diese Entwicklung ist deutlich, auch wenn da aktuell in Deutschland noch Luft nach oben ist. Der klassische Betreiber im betreuten Wohnen sollte Gemeinschaftsflächen als eine Zusatzkomponente in der Wertschöpfungskette betrachten. Das sind aktuell Flächen, die es in manchen Bestandshäusern sogar bereits gibt, die aber so nebenherlaufen, dabei steckt viel Potenzial in ihnen. Natürlich muss das alles auch finanziert werden. Hier muss man nach Lösungen suchen, auch im Interesse des Gesundheitssystems.
Aus unserer Sicht ist es wichtig, die Pflege auch wirklich als einen von vielen Services und nicht als den dominierenden Zweck für den Einzug in solch eine Wohnanlage zu sehen. Die Pflege soll nicht das Alltagsgeschehen beeinflussen, sondern ein unterschwelliger Service sein, der bei Bedarf mitläuft, aber nicht der zentrale Dreh- und Angelpunkt eines Wohnkonzeptes ist. Da sind wir beim Thema Stigmatisierung. In unserem LIVELY Weiße Dame Gronau haben wir z.B. einen Bewohner, der nach einem Schlaganfall mit Pflegegrad 4 eingezogen ist. Der ist bei uns so aufgeblüht und hat Ehrgeiz entwickelt, durch viel Übung wieder mehr Beweglichkeit zu erlangen, weil die anderen Bewohner ihn motiviert und unterstützt haben. Mittlerweile ist er bei Pflegegrad 3 angekommen, und ich bezweifle, ob er das für sich allein zuhause ohne die Unterstützung aus der Community geschafft hätte. Diese Stimulierungen und Anreize zu schaffen, wieder Lebenslust zu wecken, darum geht es uns auch.
„Der klassische Betreiber im betreuten Wohnen sollte Gemeinschaftsflächen als eine Zusatzkomponente in der Wertschöpfungskette betrachten.“
Christina Kainz
Sebastian: Mit Gronau gibst du das Stichwort. Das ist der erste Standort, an dem ihr tätig geworden seid. Inzwischen seid ihr auch in Duisburg aktiv. Was sind deine Erfahrungen aus der ersten Praxis?
Christina: Gronau ist jetzt seit fast zwei Jahren im Betrieb, und dort ist eine starke Gemeinschaft gewachsen. Was sich als herausfordernd gezeigt hat, ist, kontinuierlich ein abwechslungsreiches Wochenprogramm zusammenzustellen, das immer wieder überrascht und Neugierde weckt. Das ist ein Aspekt, mit dem wir uns gerade intensiv befassen. Ansonsten haben wir in Gronau gelernt, dass das Thema Interior Design tatsächlich auch diesen Stellenwert erfährt, den wir für wichtig halten. Die Leute sind richtig stolz darauf, laden gerne ihre Kinder, ihre Freunde ein, und wir haben auch Hotelapartments, die gerne gebucht werden.
Wir bespielen dort etwa 1000 Quadratmeter Gemeinschaftsfläche und sind mit dem Vorsatz gestartet, uns dort auch ganz stark nach außen zu öffnen. Inzwischen zeigt sich, dass Events, die auch Externen offenstehen, auch Fragen bezüglich anteiliger Betriebskosten aufwerfen. Und da schauen unsere Bewohner auch ganz genau hin. Das Thema haben wir unterschätzt. Ansonsten haben wir aus Gronau ein paar Learnings im Raumprogramm gemacht, die wir in Duisburg bereits umgesetzt haben. Bestärkt fühlen wir uns in unserem Bemühen, wirklich Menschen mit Herz an Bord zu haben. Da schauen wir bei der Zusammenstellung unseres Teams stark darauf, was sie an Fähigkeiten und Hobbies mitbringen, ganz nach dem Motto „Hire for will and not for skill“.
Sebastian: In Mülheim wird die erste Zusammenarbeit von LIVELY und HAMBURG TEAM stattfinden. Der Standort ist das ehemalige Hotel Handelshof, bei dem wir nach dem bereits angesprochenen Modell eine klare Trennung von Wohnungsvermietung sowie Pflege- und Serviceangeboten vornehmen und damit für unsere Investoren das Betreiber- und Vermietungsrisiko optimal diversifizieren. Ihr seid Mieter im Erdgeschoss und bietet den Bewohnern eine Anzahl an Grundleistungen an. Was sind eure Kriterien hinsichtlich Standort und Konzeptgestaltung?
Christina: Wir entwickeln die Standorte, an denen wir arbeiten, immer sehr individuell. In Gronau war es eindeutig. Das war früher eine Spinnerei, da haben wir auch alte Exponate stehen. Mülheim wird aufgrund der Historie auf das Thema Hotel einzahlen, aber da sind wir noch in der Phase des Brainstormens. Wir haben es dort mit einer tollen urbanen Lage zu tun. Unsere Vorstellung ist in jedem Fall, dort einen Standort zu prägen, von dem man nicht sagt „Ich gehe in eine Seniorenresidenz“, sondern „Ich ziehe in den Handelshof, einen Ort, der mir viele Möglichkeiten bietet, die ich in Anspruch nehmen kann, aber nicht muss.“ Und wir werden uns bemühen, eine lokale DNA zu schaffen, damit wir dieses vernetzte Zuhause-Gefühl für die Menschen schaffen können.
„Aus unserer Sicht ist es wichtig, die Pflege auch wirklich als einen von vielen Services und nicht als den dominierenden Zweck für den Einzug in so eine Wohnanlage zu sehen.“
Christina Kainz
Sebastian: Wenn du in die Zukunft von LIVELY schaust, Christina, und in das weitere Wachsen eures Unternehmens, was sind eigentlich optimale Parameter für die Umsetzung eures Community-Konzepts?
Christina: Wir haben ja schon wichtige Erfahrungen machen können, und sagen inzwischen, dass eine strikte Trennung zwischen Vermietung durch den Eigentümer und ein Serviceangebot, auf das sich LIVELY konzentriert, das optimale Modell für uns ist. Wir schauen gerade mehr in diese Richtung als auf einen Generalmietvertrag, weil wir bei diesem Modell enorme wirtschaftliche Effizienzen haben, wenn wir uns den günstigeren Endpreis für die Bewohner anschauen. Im Generalmietvertrag hat der Investor nochmal einen Risikozuschlag wegen des Betreiberrisikos, wir haben nochmal einen Risikozuschlag wegen Ausfallrisiken durch Leerstand, und so wird das Produkt im Endeffekt teurer für die Bewohner. Bei einer Trennung von Vermietung und Serviceangebot sind wir wesentlich kosteneffizienter unterwegs.
Wir brauchen mindestens 2800 Quadratmeter BGF, also mindestens 50 Wohneinheiten. So eine Größe wie Mülheim mit knapp 100 Wohnungen ist für uns optimal. Es sollten alle periodischen und täglichen Versorger fußläufig zu erreichen sein, also Supermarkt, Apotheke, Ärzteinfrastruktur etc., und eine Mixed-Used Komponente im Erdgeschoss oder innerhalb des Hauses ist wünschenswert. Und wir sind mittlerweile auch davon überzeugt, dass immer ein Pflegedienst vor Ort sein sollte, ohne dass damit die Selbstbestimmtheit der Bewohner angetastet wird, die ihren Pflegedienst natürlich frei wählen können. Aber das schafft ein besseres Sicherheitsgefühl und hat eine stärkere Wirkung nach außen. Schließlich wäre es ideal, wenn es dann noch eine generationsübergreifende Konstellationen gäbe, z.B. ein Café, oder eine Kita. Eine Tagespflege im Haus bringt den Vorteil, dass wir Bewohner länger halten können. In Bezug auf die Ortsgrößen schauen wir auf Städte ab 50.000 Einwohnern mit einem Kaufkraftindex von mindestens 100.
Sebastian: Ich weiß ja, dass du aus der Hotelbranche kommst. Welche Erfahrungswerte, die du dort gemacht hast, sind jetzt in deinem neuen beruflichen Kontext bei LIVELY besonders hilfreich für dich?
Christina: Definitiv das Thema Innenarchitektur. Ich war davor bei einer Hotelkette, die ganz viel Wert auf Interior Design gelegt hat. Die ist einfach aufgefallen und auch mal gegen den Strom geschwommen. Und das machen wir auch ganz gerne. Wir trauen uns, Sachen bewusst anders zu machen. Mitgenommen habe ich natürlich auch die hohe Service- und Dienstleistungsorientierung und diese Selbstverständlichkeit im authentischen Umgang mit Menschen auf Augenhöhe, egal, wer vor einem steht.
Sebastian Schlansky: Christina, ich finde, das ist ein guter Schlusssatz! Danke für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg beim Aufbau eurer Marke. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit in Mülheim!
Über die Personen
© Studio MatphotoChristina Kainz ist Gründerin und Geschäftsführerin des Start-ups LIVELY, das seit 2021 Anbieter moderner Senior-Living-Konzepte ist. Operativ ist das Unternehmen bereits an den Standorten Gronau und Duisburg tätig.
© Sinje HasheiderSebastian Schlansky ist Geschäftsführer Gesundheitsimmobilien bei HAMBURG TEAM Investment Management und dort seit 2018 für den Aufbau der Fondssparte Gesundheitsimmobilien zuständig.